Mittwoch, 14. Oktober 2020
Leider
Mama und Papa sind beschäftigt. Sie sitzen zwar theoretisch mit am Tisch, aber man merkt es ihnen an – das Beschäftigtsein. Kai schaut zu seiner Schwester Maike hinüber. Sie guckt nicht hoch. Maike hat für sich verstanden, dass es am besten ist, Mama und Papa einfach machen zu lassen. Dann schimpfen sie nicht, und sagen an Weihnachten zur Familie, was für ein liebes Kind die Maike ist, ganz umkompliziert, so schön ruhig. Deswegen schaut sie einfach auf ihren Teller und träumt vor sich hin.
Kai macht das wütend. Er würde jetzt am liebsten sagen, was Phase ist, und dass Mama und Papa wenigstens mal fragen könnten, wie es in der Schule läuft oder was er und Maike eigentlich den ganzen Tag alleine zu Hause so machen. Aber da müsste die Kleine mitziehen, alleine bringt es nichts, und sie zieht nicht mit, sie sitzt immer nur da und schweigt und guckt unschuldig. Jetzt treffen sich Papas und Maikes Blick zufällig, und Papa lächelt. Klar. Maike war schon immer Papas Lieblingskind. Nur, weil sie ein Mädchen ist, und vielleicht ein bisschen musikalischer und besser in der Schule. Kai hatte früher auch gute Noten, in der Grundschule, aber das hat niemanden interessiert. Dass die Noten jetzt schlechter sind, interessiert auch niemanden. Und sie lernt ja nichtmal, es fliegt ihr einfach so zu! Das mögen Mama und Papa. Wenn Sachen einfach wie am Schnürchen funktionieren.
Maike denkt ans Turnen. Sie turnt nur in der Schule, in einer AG – Mama hätte sie nie im Leben im Verein angemeldet, Mama hat keine Zeit für sowas. Maike hat‘s ja versucht, Mama das Prospekt hingehalten und Mama hat genickt und gesagt Ich guck‘s mir mal an, aber ein paar Tage später lag das Prospekt im Altpapier und es wurde nicht mehr drüber gesprochen. Das ist mit allem so, als Maike Klavier spielen wollte und beim Jugendphilharmoniechor vorsingen, hat Mama auch immer gesagt, sie guckt es sich mal an, und dann passierte nichts. Es bringt nichts, darüber zu diskutieren, Mama sagt dann nur Ach Schatz, ich hab‘s vergessen, ich kümmere mich gleich morgen drum und dann verläuft es sich im Sande. Wenn man nicht für alles immer die Unterschrift und das Geld eines Erwachsenen brauchen würde, wäre das gar kein Problem. So ist es eins. Aber die Lehrerin von der AG hat gesagt, wenn Maike viel trainiert, wäre sie vielleicht auch bald auf dem Niveau von den Vereinsmädchen und könnte auch zu Wettbewerben fahren. Die Vereinsmädchen trainieren fünfmal pro Woche, aber Maike arbeitet hart. Sie macht zwischendurch Liegestütze und Sit-ups, zwischen den Hausaufgaben, denn sie will die Beste sein, in der Schule und im Sport, und für alles muss man hart arbeiten, da führt kein Weg dran vorbei. Wie hart sie arbeitet, sieht keiner – aber umso besser, wenn es aussieht, als müsse sie das gar nicht. Umso besser. Mama und Papa lieben Sachen, die einfach wie am Schnürchen funktionieren.
Papa steht auf, räumt seinen Teller in den Geschirrspüler und sagt: „Ich muss nochmal kurz ins Büro.“ Niemand widerspricht. Mama nickt nur, sammelt die Teller von Maike und Kai ein und fragt, ob es geschmeckt hat. Kai murmelt: „Geht so.“
Mama guckt genervt. „Weißt du, Kai, ich kann hier auch Miracoli hinstellen. Ich muss nicht extra früher aus dem Geschäft kommen, um noch zu kochen. Du könntest auch ruhig mal dankbar sein.“
Maikes Blick gräbt sich nur tiefer in den Teller. Feige Nuss, denkt sich Kai, und sagt: „Na und, dann mach doch Miracoli! Ist mir doch egal!“
Papa sieht von einem zum andern, als würde er etwas sagen wollen, dreht sich dann um und ruft im Gehen: „Ich geh los, bis nachher!“ Es geht ihn nichts an, denkt Kai, es ist ihm egal, und er verachtet sie beide, Papa und Mama, die verstehen einfach nicht, um was es geht.
Mama verschränkt die Arme und guckt streng. „Was soll das, Kai?“
„Ich sag doch nur, ist mir egal, was es zu Essen gibt. Gib mir von mir aus Geld und ich hol‘ mir einen Döner. Scheißegal.“
„Ihr seid verwöhnt. Ihr wisst gar nicht, wie gut ihr es habt. Was ich hier alles dafür tue, dass wir wenigstens einmal am Tag alle zusammensitzen und ein frisch gekochtes, gesundes Essen haben.“
Kai guckt zornig zu Maike. Jetzt ist genau so ein Moment, wo man mal was sagen müsste. Maike schweigt. Jetzt ist genau so ein Moment, den man am besten an sich vorbeiziehen lässt. Kai kommt wahrscheinlich nachher wütend in ihr Zimmer und sagt irgendwas. Da wird sie dann auch am besten schweigen.
„Jaja“, sagt Kai, steht auf und geht. Mama und Maike sitzen sich noch einen Moment gegenüber, Mama seufzt laut und räumt den Geschirrspüler ein. Maike geht dann auch. Was soll sie auch sagen. Bringt ja nichts. „Ihr seid verwöhnte Kinder“, sagt Mama vor sich hin, Maike weiß nicht, ob es ihr wirklich gilt oder nicht.
Kai kommt rein, ohne anzuklopfen – er klopft nie, aber sie erkennt seine wütenden Schritte im Flur und legt schnell eine Zeitschrift über die Schulsachen und tut so, als würde sie lesen.
„Was sollte das vorhin?“, fragt er.
„Was?“ Er knallt die Tür hinter sich ins Schloss. Ganz ruhig, denkt Maike. Einfach vorüber ziehen lassen.
„Du weißt genau, wovon ich rede!“
„Nein, weiß ich nicht.“
„Du sitzt da immer nur und sagst nichts! Und ich krieg den Ärger!“
Was weißt du von dem Ärger, den ich kriege, denkt Maike. Was weißt du davon, wie oft Mama „ihr“ sagt und dich meint, aber du gehst ja immer einfach raus, du bleibst nicht lange genug, um zu hören, wie sie über dich reden, wie genervt sie von dir sind.
„Jetzt guck nicht nur!“, schreit Kai, „Jetzt sag auch mal was! Du sitzt da immer nur und guckst!“ Es macht ihn wahnsinnig. Er ist der einzige, der sich hier für irgendwas einsetzt, der einzige, der kämpft. Er will zum Teufel eine normale Familie. Er will, dass Mama und Papa mit ihnen in den Urlaub fahren, wie die Eltern von seinen Kumpels. Seine Kumpels finden ihre Eltern nervig, aber Kai würde sofort tauschen. Er will Eltern, die ihn nerven. Er will Eltern, die seine Aufsätze lesen und mit ihm Fußball gucken oder Tatort oder sonst irgendwas. Und Maike sitzt immer nur da und ist mit allem einverstanden. Er könnte sie erwürgen.
Maike zuckt zusammen. Kai schreit oft, aber sie wird sich nie daran gewöhnen. Er ist der Ältere, er war vor ihr da, er war vor ihr schon so, sie duldet es. Aber daran gewöhnen wird sie sich nie. Sie wird immer Angst haben, so wie sie vor allem Angst hat, das laut ist. Das einzige was hilft, ist, es vorüberziehen zu lassen. Sie denkt ganz fest ans Turnen, an ihre Fortschritte.
An was die immer so denkt, will ich wirklich mal wissen, fragt sich Kai. Irgendwas muss doch in diesem Kopf vorgehen. Jetzt zuckt sie gleich wieder zusammen, als hätte ich sie geschlagen. Muss ich sie mit Samthandschuhen anfassen oder was! Nein, das muss sie jetzt mal aushalten. Ich sag doch nur, wie es ist. Ich bin der einzige hier, der überhaupt irgendwas sagt.
Maike schaut zu Boden. Sie glaubt nicht, dass Mama was gehört hat, sie sitzt im Wohnzimmer vor dem Fernseher und macht nebenbei irgendwas für irgendeinen Kunden. Einfach vorüberziehen lassen. Irgendwann regt Kai sich ab und geht wieder. Oder er geht wieder und regt sich dann erst ab. Die Reihenfolge ist ihr egal, er soll sich nur endlich abregen und nicht da stehen, breitschultrig und mit diesem wütenden Gesicht, das aussieht, als würde er sich von innen in die Kinnmuskeln beißen.
„Sag mal, hast du überhaupt nichts dazu zu sagen? Hast du gehört, wie Mama mich vorhin in der Küche angeschissen hat? Findest du denn gar nicht, dass ich Recht habe? Mann, die Frau findet sich so geil dafür, dass sie hier mal auftaucht und kocht! Das ist doch-“
Maike zuckt die Schultern. Klar, Mama und Papa sind fast nie zu Hause. Sie hat sich daran gewöhnt. Es ist nichts, was sie ändern kann. Sie will nur keinen Ärger haben, und das was Kai da macht, bedeutet Ärger. Maike will nur ihre Ruhe. Sie will in Ruhe arbeiten. An sich. An ihren Zielen. Sie wünschte, sie könnte Kai das mal sagen, aber dann würde er komplett ausrasten und sie bei den Haaren packen und schütteln und gegen die Wand schubsen, wie damals, als sie gesagt hat, er solle seine Wut nicht an ihr auslassen. Wut nicht an dir auslassen?, hatte er gebrüllt. Ich geb dir gleich Wut auslassen! Sie versucht, sich zu erinnern, um was es damals ging. Da hatte er auch einen Streit mit Mama und Papa gehabt und war dann zu ihr ins Zimmer gestapft. Ach ja, damals hatte seine Klasse irgendwas aufgeführt, irgendwas mit Musik, und er hatte Mama und Papa eingeladen und die haben gesagt Da können wir nicht, da sind wir doch noch im Geschäft. Bitte, hatte Kai gesagt, nur einmal, weil er schon wusste, dass es aussichtslos war, aber Papa hatte nur gesagt Wie soll denn das gehen, das ist ein Montag, und Kai hatte Maike bittend angeschaut. Aber was sollte Maike da machen. Montags hatten die Eltern immer am meisten zu tun. Das hätte er wissen müssen. Auch wenn es kein Montag gewesen wäre, wären sie nicht gekommen. Das hätte er einfach wissen müssen.
„Das kann so nicht weitergehen!“, schreit Kai, „Merkst du überhaupt, wie scheiße das hier läuft? Die interessieren sich einen Dreck für uns! Wir müssen jetzt endlich mal was unternehmen!“ Die blöde Kuh ruht sich einfach darauf aus, dass sie das Lieblingskind ist! Es ist unfassbar! Weil sie ein Mädchen ist, weil sie ein zartes Pflänzchen ist, weil sie immer gleich traurig zu Boden schaut, wenn mal einer die Wahrheit sagt! Kai hat Wodka in seinem Zimmer – gehört seinen Kumpels, die haben es hier gebunkert, weil Kai der einzige ist, bei dem ganz sicher keiner was sagt. Klar, hier kommt keiner und kontrolliert das Zimmer, und selbst wenn, was interessiert es Mama und Papa, was er in seinem Zimmer hat? Vielleicht sollte er das Zeug einfach mal trinken, dann ist es ihm egal, dann sage er ihnen mal die Meinung. Aber vor allem soll die Kleine sich auch mal bewegen! Er ballt die Fäuste. Maike guckt erschrocken, Kais Halsadern treten hervor. Bitte, keinen Ärger, denkt sie, bitte, ich ertrage das nicht mehr. Das Geschrei. Die Vorwürfe.
„Geh raus“, sagt sie ganz leise, „bitte.“
„Was?“
Maike schluckt. Mann, kann die nichtmal vernünftig mit ihm reden? „WAS!“, schreit Kai, „Red doch mal lauter!“
„Du sollst raus gehen.“
Kai könnte auf sie losgehen. „Du merkst es nicht! Du merkst einfach gar nichts! Ich soll rausgehen! Warum! Hast du jetzt Angst vor mir oder was?“ Er nimmt ein Buch vom Schreibtisch und wirft es gehen die Wand. Zum Teufel, was er will ist doch auch nur zu ihrem Besten. Er sieht doch, wie sie leidet. Wie gerne sie ihren Sport da machen wollte und Mama und Papa sie da nie unterstützt haben. Wie still und verschlossen sie geworden ist. Er will doch nur, dass es allen gut geht, aber da ist er wohl der einzige, und das macht ihn wütend. Es macht ihn scheiß-wütend, dass er hier immer als der Böse dargestellt wird, obwohl er eigentlich der einzige ist, der für alle nur das Beste will.
Kai rennt raus in den Flur. Papa kommt gerade durch die Tür. Mit diesem Blick, den er immer drauf hat, als wüsste er, was hier gerade passiert, aber er weiß gar nichts, Kai findet das zum Kotzen arrogant, dass Papa sich hier als das Familienoberhaupt aufspielt und eigentlich nichts weiß und nichts mitbekommt, gar nichts. Nur weil er sich abends mal mit an den Tisch setzt und an Weihnachten ganz fürstlich die Gans mit der Geflügelschere auseinanderschneidet, aber eigentlich hat er gar keine Daseinsberechtigung, eigentlich müsste man ihn rausschmeißen.
Er brüllt los: „Du verdammter-“ Danach ist es nur noch ein einziger langer Schrei. Die Regel, dass man seine Eltern nicht zu beschimpfen, nicht einmal zu kritisieren hat, ist so tief in Kai drin, dass er den Satz gar nicht zu Ende bringt. Er steht nur im Flur, vornübergebeugt, mit hochrotem Kopf, guckt Papa in die Augen, hat das Gesicht zu einer schmerzlichen Grimasse verzerrt und schreit. Maike und Mama kommen in den Flur und sehen zu. Keiner sagt etwas. Papas Gesicht bleibt wie versteinert in seinem Ich-hab-hier-alles-unter-Kontrolle-Blick, Mama reißt die Augen weit auf, Meike weiß nicht, wie sie aussieht, ihr geht das hier alles schon wieder zu schnell, zu nahe. Kai steht da und brüllt. Er hat sich lange genug zurückgehalten, er hat lange genug zugeguckt, so oft hat er nichts gesagt, wenn Mama und Papa abends nochmal weggegangen sind als wäre das das Normalste der Welt, wenn sie nicht zugehört haben, wenn sie nicht zum Elternabend gegangen sind oder über Oberflächlichkeiten geplaudert haben, statt mal zu fragen, wie es ihren Kindern eigentlich geht. Jetzt reicht es, jetzt muss es mal raus, jetzt sagt er das alles mal, aber er sagt es eigentlich nicht, er schreit nur. Er fühlt Maikes Blick von der Seite, wie sie da wie angewurzelt im Türrahmen steht, und verdammt, es tut ihm leid, es tut ihm so leid, dass er es so oft an ihr ausgelassen hat und eigentlich jetzt auch schon wieder an ihr auslässt. Er will doch immer nur das Beste für alle, es ist nur so schwer, das immer ganz alleine zu wollen. So schwer. Kai fängt an zu weinen, immer noch, ohne den Blick von Papa zu wenden.
Sein Schluchzen trifft Maike, für sein Gebrüll hatte sie ja noch nie Verständnis, aber dass er jetzt weint, das macht ihr ein ganz vages, untiefes Schuldgefühl, als sei sie persönlich dafür verantwortlich, dass er traurig ist. Dennoch, sie will am liebsten die Zimmertür zuschlagen und von diesem ganzen durchgedrehten Pack da draußen nichts wissen. Was muss man denn eigentlich noch alles tun, lassen, ertragen, aushalten, ausbaden, sich anhören, fragt sie sich, wann ist eigentlich einfach mal Ruhe und Leben.
„Kai!“, ruft Mama. Sie läuft um ihn herum, hält ihm ein Taschentuch unter den Rotzfaden, der schon fast bis zu den Knien reicht, „Das tropft auf den Teppich!“ Sie sieht Papa an, seufzt. Papa sagt: „Ich versteh nicht, was dieses andauernde Theater hier soll! Ihr führt euch immer alle auf, als hättet ihr ‘ne Macke. Als würde euch hier irgendwas fehlen. Dabei habt ihr doch alles!“
Was habe ich denn, denkt sich Kai, zu erstaunt, zu schockiert, um irgendwas zu sagen. Er schaut zur Seite, zu Maike, die da stumm glotzend in der Tür zu ihrem Zimmer steht – von der ist immer noch keine Hilfe zu erwarten, keine Unterstützung, nichtmal Trost.
Was haben wir denn, denkt Maike. Einander, leider.

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Montag, 14. September 2020
Brauche eure Inspiration
Über welche psychische Absonderlichkeit habe ich noch nicht geschrieben, die euch aber sehr interessieren würde?

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Sonntag, 9. August 2020
Männer
Er hätte nie gedacht, dass sowas passieren könnte. Echten Männern passiert doch sowas nicht. Wenn er Janek sieht, guckt er schnell weg, obwohl er immer hingucken will. Er hat solche Angst. Jungs haben keine Angst, hat schon Papa immer gesagt, und die Lehrer in der Schule, und Indiana Jones. Aber er hat Angst, Angst wie noch nie im Leben, zum Beispiel vor der Dunkelheit im Schlafzimmer, und vor dem Feierabend, und vor dem Wochenende. Das Wochenende, auf das sich alle freuen, vor dem Janek sich nochmal umdreht und ruft: Tschüs, Leute, schönes Wochenende! Wochenende bedeutet: Zwei Tage ohne Janek. Echte Männer treffen sich da mit ihren Jungs und gucken Fußball, oder noch besser treffen sich mit einer Frau. Für ihn ist es einfach nur zwei verschwendete Tage, Traurigkeit, Leere. Der Magen rebelliert von früh bis spät. Montags kommt er extra früh, damit er durchs Fenster zugucken kann, wie Janek ins Haus kommt, und dann nochmal gucken kann, wie er in den Raum kommt, und wenn Janek dann lächelt und sagt Morgen, na, wie war dein Wochenende? , muss er schlucken und sich irgendwas ausdenken, was soll er denn sagen, Ich hab die ganze Zeit an dich gedacht?
Er hat es ja versucht. Er hat sich Pornos angeguckt, wo ein Mann zwei Frauen genommen hat, immer abwechselnd, die eine, dann die andere, oder wo zwei Frauen sich in der Dusche geküsst und gestöhnt haben, das Wasser rann über die Brüste und die lackierten Fingernägel und nassen blonden Haare klebten auf der braungebrannten straffen Haut, und ja, es war ganz nett, aber er will ja gar keinen Sex, er will zusammen lachen und kochen und Händchen halten. Mit Janek. Er weiß nicht, was das alles oll. Er hat sich noch nie für Männer interessiert, und auch jetzt interessiert er sich nicht für Männer, er interessiert sich für Janek, und weiß nicht, wie er das irgendwem erklären soll. Die Leute würden ihn fragen, wann er denn gemerkt habe, dass er schwul sei, und er müsste dann irgendwie sagen Ich bin nicht schwul, ich bin nur verliebt, aber echte Männer verlieben sich doch nicht in andere Männer und glotzen ihnen verstohlen durchs Fenster hinterher, sowas machen nichtmal echte Frauen, das machen kleine Mädchen in der siebten Klasse. Also beschließt er, es niemandem zu erklären. Er ruft niemanden mehr an. Schon bald darauf ruft ihn auch niemand mehr an. Und gegen die Angst vor dem leeren Schlafzimmer, den Geräuschen aus dem Dunkel draußen, hilft bestimmt die Flasche Wein, die er noch auf dem Küchenschrank zu stehen hat. Eigentlich war die für den Geburtstag von einem Freund, aber weil er ja dann abgesagt hat, kann er sie jetzt auch trinken, und während er sich durch den Flur in die Küche tastet, fragt er sich, ob es nicht angemessener wäre, Bier zu trinken, oder gleich Wodka.
Ein Mann sein, das hat ihm nie etwas bedeutet, aber jetzt auf einmal bedeutet es ihm was. Verrückt. Er möchte so gern einfach sein wie alle. Einfach ganz normal. Einerseits, weil es das Leben einfacher machen würde – andererseits aber auch, weil „alle“ die Personengruppe, mit der Janek sich versteht, gut trifft. Janek. Immer nett und freundlich, ein überall gern gesehener Mensch. So war er selbst nie. Schon in der Schule gehörte er zu den Stilleren, Unauffälligeren, die gern zu Hause waren und Klaiver übten und trotzdem nie Fortschritte machten, oder ihrer Mutter im Haushalt halfen. Janek hingegen war wahrscheinlich so ein Einserschüler, der auch noch exzellent in Sport war und toll singen konnte, aber nie eingebildet und auf jeder Party der Trinkfesteste. Super-beliebt. Super-lustig. Wahrscheinlich auch noch super im Bett. Inzwischen ist die Weinflasche leer, er kriecht zurück ins Bett, legt sich auf den Bauch und fängt an zu weinen.
Am nächsten Morgen ist ihm schlecht, er muss brechen. Ich vertrag wirklich gar nichts, denkt er, ist das peinlich, vom Erbrechen wird ihm schwindlig, sein Herz rast.
Allerdings stellt er fest, als er danach an die Duschwand gelehnt auf dem Badezimmerboden sitzt, dass das krampfige Gefühl im Magen, das ihn seit Wochen begleitet, endlich weg ist. Der Magen ist leer, ruhig, entspannt, der Kopf ist ganz klar. Er kann sich nicht erinnern, wann er sich das letzte Mal klar im Kopf gefühlt hat. Auf jeden Fall ist es wunderschön.
Den ganzen Tag denkt er an nichts Anderes als an dieses Gefühl am Morgen. Er kauft sich wieder eine Flasche Wein, trinkt sie, muss sich übergeben, aber diesmal hat er einen Kater, der Kopfschmerz bringt ihn um, er kann die Entspannung nicht richtig genießen. So kann es nicht weiter gehen, das muss anders gehen, und deswegen isst er die doppelte Portion von dem, was er sonst essen würde und gönnt sich danach noch ein Eis, und dann noch eins, und dann muss er wieder brechen und Zack, das Gefühl ist wieder da.
Die Leere im Bauch. Die Entspannung. Irgendwann stellt er fest, dass das Kotzen ihm Erleichterung bringt. Das Gefühl, dass da mal kurz Ruhe ist. Nur kurz, klar, sobald er wieder an Janek denkt und daran, wie aussichtslos das alles ist und wie er er sich wünscht, anders zu sein, kommt die Unruhe wieder. Aber immerhin, für den Moment ist es, als hätte jemand die Pause-Taste gedrückt.
Er versucht es mit Absicht, das geht nicht. Als erstes löst er die Urlaubskasse auf – wo soll er auch hinfahren, und mit wem? - und kauft davon vier große Tiefkühltorten beim Aldi. Sie müssen nicht lecker sein, sie sind nur ein Brechmittel. Endlich hat etwas zu tun am Wochenende. „Feiern Sie Kindergeburtstag?“, fragt die Kassiererin, als er kiloweise Süßigkeiten aufs Band legt. Er nickt. Er will es auch mal morgens vor der Arbeit machen, einfach um zu gucken, ob es dann leichter wird.
Er schämt sich. Für Janek, fürs Gucken am Montagmorgen, für seine Art, nur noch sporadisch und oberflächlich seine Freunde zu kontaktieren und zu behaupten, er habe einfach zu viel Arbeit. Für die Urlaubskasse, die Torten, das gute Gefühl, das ihm etwas so Widerwärtiges am Ende bringt - und dafür, wie schnell dieses Gefühl wieder verfliegt. Echte Männer können doch die Freude aufrechterhalten, die wissen doch, wie man gut lebt. So wie Janeks Profilbild bei Facebook: Janek, in der Mitte zwischen zwei anderen jungen Männern, sie haben sich die Arme gegenseitig um die Schultern gelegt und in der jeweils rechten Hand eine grüne Bierflasche, alle lächeln, im Hintergrund ist ein Zeltplatz, und der Kommenar „Friends for life“ hat 341 Likes. Natürlich schämt er sich. Natürlich ist das, was er hier macht, irgendwie krank. Aber es gibt viel Schlimmeres, denkt er sich, ich hab‘s doch erlebt.
Eines Abend zappt er in eine Doku rein, die über Essstörungen berichtet, und dass das ernstzunehmende Krankheiten seien und 95% der Betroffenen weiblich. Toll, denkt er sich, jetzt hab ich auch noch eine Frauen-Krankheit oder was. Routiniert greift er in die Chipstüte, die seine Mutter ihm neulich mitgebracht hat – Barbecue-Bacon, und für seine Schwester habe sie die mit feiner Rosmarin-Note – holt sich dann aber einen Schokoriegel. Mit Chips klappt es nicht so richtig, am besten geht es mit Süßigkeiten. Blödsinn, denkt er bei den ganzen Interviews, mit Ärzten, mit Therapeuten, mit Experten, das habe ich nicht. Ich finde mich doch gar nicht zu dick. Das trifft auf mich alles nicht zu. Mir geht es doch nicht ums Abnehmen. Als der Experte sagt Selbstablehnung und Selbthass, ja Ekel vor sich selbst sind ganz dominante Themen bei den Betroffenen schaltet er den Fernseher aus. Männer gucken sich sowas nicht an, denkt er, das ist sowieso ein Thema für Frauen.
Eines Tages wird Janek von der Arbeit von einer jungen Frau abgeholt, die keine großen Brüste, aber sehr schöne lange braune Haare hat. Sie will höflich sein, aber Janek ist so einer, der kühn ist und laut und immer fröhlich und freundlich und mutig, der sich nichts nehmen lässt und andere inspiriert mit seiner frischen Art, und er hebt sie hoch und küsst sie und lacht und sie gehen Hand in Hand davon, wie er durchs Fenster beobachtet. Männer können sowas ertragen, denkt er sich nur, Männer können auch akzeptieren, dass sie verloren haben, wenn Janek eine Frau wäre, die mir sagt Lass uns doch einfach Freunde sein und dann mit einem muskelbepackten Schönling abzieht, müsste ich das ja auch aushalten. Aber er hält es nicht aus und kauft sich schon auf dem Heimweg vier Tüten Haribo und isst alle im Bus auf. Nachts schläft er zum ersten Mal mit dem Deckenlicht an, die Nachttischlampe reicht nicht mehr, sobald es ganz dunkel ist, hat er das Gefühl, zu ertrinken, als wäre da ein Sog in der Dunkelheit, in den er hineinverschwinden würde, untergehen, wie in einem Meeresstrudel, er kriegt keine Luft, weiß nicht mehr wo oben und unten ist. Er fragt sich, wie ein Mann mit sowas umgehen kann, was man da tun kann. Trinken geht nicht, wie er gesehen hat. Pornos helfen nicht. Auf Daten hat er keine Lust. Was soll er auch sagen, wenn die Frauen fragen Und, was machst du so am Wochenende? Ihm fällt nichts mehr ein, als so weiterzumachen wie bisher. Das hat sein Vater auch immer gemacht, einfach so weiter wie bisher. Wenn Janek im Büro etwas sagt, atmet er tief durch und guckt einfach runter auf seinen Schreibtisch.
Es wird Herbst, es wird irgendwann auch Winter. Die Urlaubskasse ist schon lange leer, die Ersparnisse sind aufgebraucht, als nächstes wird er die private Rentenversicherung auflösen müssen. Zur Weihnachtsfeier haben die Chefs ein Restaurant mit Buffet gebucht, all you can eat, und ihm wird, was noch nie vorgekommen ist, von ganz normalem Essen schlecht. Janek sitzt schräg gegenüber, mit seiner Freundin, und lässt sie von seiner Gabel irgendwas probieren. Dann sagt sie „Das hol ich mir auch!“ und schlängelt sich zwischen den Tischen durch, mit ihrem kleinen Hintern in der eng anliegenden Jeans, und ihm wird klar, dass er es vielleicht gar nicht bis zur Toilette schafft. Panisch blickt er sich um, wenn es jetzt kommt, wenn ich das nicht kontrollieren kann, wo soll es hin? „Sag mal, ist alles in Ordnung? Du isst ja gar nichts“, stößt ihn die Kollegin von links an. Janek guckt zu ihm rüber und runzelt die Stirn. So lieb. So besorgt.
„Ja, doch, klar“, bringt er mühsam hervor, und ruft dann dem Kellner zu: „Entschuldigung, ich hatte einen Long Island Ice Tea bestellt, wo bleibt der?“
„Long Island?“ Der Kellner schaut verdutzt und tippt dann auf seinem Bestellungstablet herum. „Komisch… Einen Moment, kommt sofort.“
Er würgt den Cocktail herunter, zu seiner Überraschung passiert nichts. Er bestellt noch einen, wieder passiert nichts, aber er ist besoffen und geht nach Hause. Janek winkt ganz nett und ruft ihm hinterher, irgendwas von schönen Abend noch und bis Montag und frohe Weihnachten, aber er kann nicht antworten, er hebt nur die Hand. Zwei Straßen weiter kotzt er in einen Mülleimer. Endlich.
Heute will er den Weg durch den dunklen Park nehmen. Vielleicht, weil er sich das sonst nicht traut, nur mit einem in der Krone und diesen Bildern im Kopf. Janek und seine Freundin, die sich an ihn anlehnt und alle trinken und lustig und Selfie und haha – kein Wunder, dass ihm da schlecht wurde. Was kann schon schlimmer sein als das. Der Park bestimmt nicht. Es schneit ganz leicht, eher so ein leiser Schneeregen, nass und kalt und grau im Mondlicht. Am Seeufer bleibt er stehen und blickt ans andere Ufer. Es ist alles so kompliziert. Er versteht es nicht mehr. Janek, und Männer, und Frauen, und Torten, und die Rentenversicherung, das ganze Geld. Es hat mal Sinn ergeben, aber jetzt ist es nur noch ein auseinandergepuzzletes Puzzle, die Einzelteile liegen herum und er weiß gar nicht, warum er überhaupt je angefangen hat damit. Mit allem. Er spürt seine Füße nicht, seine Knie zittern. Er wird jetzt ins Wasser gehen, die Abkühlung wird ihm gut tun.
Irgendwo hat er mal gehört, dass man bloß die Schuhe ausziehen soll, wenn man ins Wasser geht, aber das fällt ihm erst wieder ein, als er umknickt und nicht mehr hochkommt. Die Angst vor der Dunkelheit ist wieder da, vorm Ertrinken, aber diesmal kriegt er wirklich keine Luft, und es geht so schnell, dass er dann eher überrascht ist als panisch. Ach Mensch, denkt er noch, echten Männern passiert doch sowas nicht, echte Männer erschießen sich oder hängen sich wenigstens auf. Dann aber sieht er Janeks Gesicht vor sich, auf der anderen Seite des Wasser, wo die Sterne und der Mond langsam zu einem undeutlichen Schimmer verschwimmen, und er nickt ihm nochmal zu, bevor er sich ganz in die Arme der Dunkelheit schließen lässt, vor der er noch eben so viel Angst hatte.

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