Montag, 14. September 2020
Brauche eure Inspiration
Über welche psychische Absonderlichkeit habe ich noch nicht geschrieben, die euch aber sehr interessieren würde?

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Sonntag, 9. August 2020
Männer
Er hätte nie gedacht, dass sowas passieren könnte. Echten Männern passiert doch sowas nicht. Wenn er Janek sieht, guckt er schnell weg, obwohl er immer hingucken will. Er hat solche Angst. Jungs haben keine Angst, hat schon Papa immer gesagt, und die Lehrer in der Schule, und Indiana Jones. Aber er hat Angst, Angst wie noch nie im Leben, zum Beispiel vor der Dunkelheit im Schlafzimmer, und vor dem Feierabend, und vor dem Wochenende. Das Wochenende, auf das sich alle freuen, vor dem Janek sich nochmal umdreht und ruft: Tschüs, Leute, schönes Wochenende! Wochenende bedeutet: Zwei Tage ohne Janek. Echte Männer treffen sich da mit ihren Jungs und gucken Fußball, oder noch besser treffen sich mit einer Frau. Für ihn ist es einfach nur zwei verschwendete Tage, Traurigkeit, Leere. Der Magen rebelliert von früh bis spät. Montags kommt er extra früh, damit er durchs Fenster zugucken kann, wie Janek ins Haus kommt, und dann nochmal gucken kann, wie er in den Raum kommt, und wenn Janek dann lächelt und sagt Morgen, na, wie war dein Wochenende? , muss er schlucken und sich irgendwas ausdenken, was soll er denn sagen, Ich hab die ganze Zeit an dich gedacht?
Er hat es ja versucht. Er hat sich Pornos angeguckt, wo ein Mann zwei Frauen genommen hat, immer abwechselnd, die eine, dann die andere, oder wo zwei Frauen sich in der Dusche geküsst und gestöhnt haben, das Wasser rann über die Brüste und die lackierten Fingernägel und nassen blonden Haare klebten auf der braungebrannten straffen Haut, und ja, es war ganz nett, aber er will ja gar keinen Sex, er will zusammen lachen und kochen und Händchen halten. Mit Janek. Er weiß nicht, was das alles oll. Er hat sich noch nie für Männer interessiert, und auch jetzt interessiert er sich nicht für Männer, er interessiert sich für Janek, und weiß nicht, wie er das irgendwem erklären soll. Die Leute würden ihn fragen, wann er denn gemerkt habe, dass er schwul sei, und er müsste dann irgendwie sagen Ich bin nicht schwul, ich bin nur verliebt, aber echte Männer verlieben sich doch nicht in andere Männer und glotzen ihnen verstohlen durchs Fenster hinterher, sowas machen nichtmal echte Frauen, das machen kleine Mädchen in der siebten Klasse. Also beschließt er, es niemandem zu erklären. Er ruft niemanden mehr an. Schon bald darauf ruft ihn auch niemand mehr an. Und gegen die Angst vor dem leeren Schlafzimmer, den Geräuschen aus dem Dunkel draußen, hilft bestimmt die Flasche Wein, die er noch auf dem Küchenschrank zu stehen hat. Eigentlich war die für den Geburtstag von einem Freund, aber weil er ja dann abgesagt hat, kann er sie jetzt auch trinken, und während er sich durch den Flur in die Küche tastet, fragt er sich, ob es nicht angemessener wäre, Bier zu trinken, oder gleich Wodka.
Ein Mann sein, das hat ihm nie etwas bedeutet, aber jetzt auf einmal bedeutet es ihm was. Verrückt. Er möchte so gern einfach sein wie alle. Einfach ganz normal. Einerseits, weil es das Leben einfacher machen würde – andererseits aber auch, weil „alle“ die Personengruppe, mit der Janek sich versteht, gut trifft. Janek. Immer nett und freundlich, ein überall gern gesehener Mensch. So war er selbst nie. Schon in der Schule gehörte er zu den Stilleren, Unauffälligeren, die gern zu Hause waren und Klaiver übten und trotzdem nie Fortschritte machten, oder ihrer Mutter im Haushalt halfen. Janek hingegen war wahrscheinlich so ein Einserschüler, der auch noch exzellent in Sport war und toll singen konnte, aber nie eingebildet und auf jeder Party der Trinkfesteste. Super-beliebt. Super-lustig. Wahrscheinlich auch noch super im Bett. Inzwischen ist die Weinflasche leer, er kriecht zurück ins Bett, legt sich auf den Bauch und fängt an zu weinen.
Am nächsten Morgen ist ihm schlecht, er muss brechen. Ich vertrag wirklich gar nichts, denkt er, ist das peinlich, vom Erbrechen wird ihm schwindlig, sein Herz rast.
Allerdings stellt er fest, als er danach an die Duschwand gelehnt auf dem Badezimmerboden sitzt, dass das krampfige Gefühl im Magen, das ihn seit Wochen begleitet, endlich weg ist. Der Magen ist leer, ruhig, entspannt, der Kopf ist ganz klar. Er kann sich nicht erinnern, wann er sich das letzte Mal klar im Kopf gefühlt hat. Auf jeden Fall ist es wunderschön.
Den ganzen Tag denkt er an nichts Anderes als an dieses Gefühl am Morgen. Er kauft sich wieder eine Flasche Wein, trinkt sie, muss sich übergeben, aber diesmal hat er einen Kater, der Kopfschmerz bringt ihn um, er kann die Entspannung nicht richtig genießen. So kann es nicht weiter gehen, das muss anders gehen, und deswegen isst er die doppelte Portion von dem, was er sonst essen würde und gönnt sich danach noch ein Eis, und dann noch eins, und dann muss er wieder brechen und Zack, das Gefühl ist wieder da.
Die Leere im Bauch. Die Entspannung. Irgendwann stellt er fest, dass das Kotzen ihm Erleichterung bringt. Das Gefühl, dass da mal kurz Ruhe ist. Nur kurz, klar, sobald er wieder an Janek denkt und daran, wie aussichtslos das alles ist und wie er er sich wünscht, anders zu sein, kommt die Unruhe wieder. Aber immerhin, für den Moment ist es, als hätte jemand die Pause-Taste gedrückt.
Er versucht es mit Absicht, das geht nicht. Als erstes löst er die Urlaubskasse auf – wo soll er auch hinfahren, und mit wem? - und kauft davon vier große Tiefkühltorten beim Aldi. Sie müssen nicht lecker sein, sie sind nur ein Brechmittel. Endlich hat etwas zu tun am Wochenende. „Feiern Sie Kindergeburtstag?“, fragt die Kassiererin, als er kiloweise Süßigkeiten aufs Band legt. Er nickt. Er will es auch mal morgens vor der Arbeit machen, einfach um zu gucken, ob es dann leichter wird.
Er schämt sich. Für Janek, fürs Gucken am Montagmorgen, für seine Art, nur noch sporadisch und oberflächlich seine Freunde zu kontaktieren und zu behaupten, er habe einfach zu viel Arbeit. Für die Urlaubskasse, die Torten, das gute Gefühl, das ihm etwas so Widerwärtiges am Ende bringt - und dafür, wie schnell dieses Gefühl wieder verfliegt. Echte Männer können doch die Freude aufrechterhalten, die wissen doch, wie man gut lebt. So wie Janeks Profilbild bei Facebook: Janek, in der Mitte zwischen zwei anderen jungen Männern, sie haben sich die Arme gegenseitig um die Schultern gelegt und in der jeweils rechten Hand eine grüne Bierflasche, alle lächeln, im Hintergrund ist ein Zeltplatz, und der Kommenar „Friends for life“ hat 341 Likes. Natürlich schämt er sich. Natürlich ist das, was er hier macht, irgendwie krank. Aber es gibt viel Schlimmeres, denkt er sich, ich hab‘s doch erlebt.
Eines Abend zappt er in eine Doku rein, die über Essstörungen berichtet, und dass das ernstzunehmende Krankheiten seien und 95% der Betroffenen weiblich. Toll, denkt er sich, jetzt hab ich auch noch eine Frauen-Krankheit oder was. Routiniert greift er in die Chipstüte, die seine Mutter ihm neulich mitgebracht hat – Barbecue-Bacon, und für seine Schwester habe sie die mit feiner Rosmarin-Note – holt sich dann aber einen Schokoriegel. Mit Chips klappt es nicht so richtig, am besten geht es mit Süßigkeiten. Blödsinn, denkt er bei den ganzen Interviews, mit Ärzten, mit Therapeuten, mit Experten, das habe ich nicht. Ich finde mich doch gar nicht zu dick. Das trifft auf mich alles nicht zu. Mir geht es doch nicht ums Abnehmen. Als der Experte sagt Selbstablehnung und Selbthass, ja Ekel vor sich selbst sind ganz dominante Themen bei den Betroffenen schaltet er den Fernseher aus. Männer gucken sich sowas nicht an, denkt er, das ist sowieso ein Thema für Frauen.
Eines Tages wird Janek von der Arbeit von einer jungen Frau abgeholt, die keine großen Brüste, aber sehr schöne lange braune Haare hat. Sie will höflich sein, aber Janek ist so einer, der kühn ist und laut und immer fröhlich und freundlich und mutig, der sich nichts nehmen lässt und andere inspiriert mit seiner frischen Art, und er hebt sie hoch und küsst sie und lacht und sie gehen Hand in Hand davon, wie er durchs Fenster beobachtet. Männer können sowas ertragen, denkt er sich nur, Männer können auch akzeptieren, dass sie verloren haben, wenn Janek eine Frau wäre, die mir sagt Lass uns doch einfach Freunde sein und dann mit einem muskelbepackten Schönling abzieht, müsste ich das ja auch aushalten. Aber er hält es nicht aus und kauft sich schon auf dem Heimweg vier Tüten Haribo und isst alle im Bus auf. Nachts schläft er zum ersten Mal mit dem Deckenlicht an, die Nachttischlampe reicht nicht mehr, sobald es ganz dunkel ist, hat er das Gefühl, zu ertrinken, als wäre da ein Sog in der Dunkelheit, in den er hineinverschwinden würde, untergehen, wie in einem Meeresstrudel, er kriegt keine Luft, weiß nicht mehr wo oben und unten ist. Er fragt sich, wie ein Mann mit sowas umgehen kann, was man da tun kann. Trinken geht nicht, wie er gesehen hat. Pornos helfen nicht. Auf Daten hat er keine Lust. Was soll er auch sagen, wenn die Frauen fragen Und, was machst du so am Wochenende? Ihm fällt nichts mehr ein, als so weiterzumachen wie bisher. Das hat sein Vater auch immer gemacht, einfach so weiter wie bisher. Wenn Janek im Büro etwas sagt, atmet er tief durch und guckt einfach runter auf seinen Schreibtisch.
Es wird Herbst, es wird irgendwann auch Winter. Die Urlaubskasse ist schon lange leer, die Ersparnisse sind aufgebraucht, als nächstes wird er die private Rentenversicherung auflösen müssen. Zur Weihnachtsfeier haben die Chefs ein Restaurant mit Buffet gebucht, all you can eat, und ihm wird, was noch nie vorgekommen ist, von ganz normalem Essen schlecht. Janek sitzt schräg gegenüber, mit seiner Freundin, und lässt sie von seiner Gabel irgendwas probieren. Dann sagt sie „Das hol ich mir auch!“ und schlängelt sich zwischen den Tischen durch, mit ihrem kleinen Hintern in der eng anliegenden Jeans, und ihm wird klar, dass er es vielleicht gar nicht bis zur Toilette schafft. Panisch blickt er sich um, wenn es jetzt kommt, wenn ich das nicht kontrollieren kann, wo soll es hin? „Sag mal, ist alles in Ordnung? Du isst ja gar nichts“, stößt ihn die Kollegin von links an. Janek guckt zu ihm rüber und runzelt die Stirn. So lieb. So besorgt.
„Ja, doch, klar“, bringt er mühsam hervor, und ruft dann dem Kellner zu: „Entschuldigung, ich hatte einen Long Island Ice Tea bestellt, wo bleibt der?“
„Long Island?“ Der Kellner schaut verdutzt und tippt dann auf seinem Bestellungstablet herum. „Komisch… Einen Moment, kommt sofort.“
Er würgt den Cocktail herunter, zu seiner Überraschung passiert nichts. Er bestellt noch einen, wieder passiert nichts, aber er ist besoffen und geht nach Hause. Janek winkt ganz nett und ruft ihm hinterher, irgendwas von schönen Abend noch und bis Montag und frohe Weihnachten, aber er kann nicht antworten, er hebt nur die Hand. Zwei Straßen weiter kotzt er in einen Mülleimer. Endlich.
Heute will er den Weg durch den dunklen Park nehmen. Vielleicht, weil er sich das sonst nicht traut, nur mit einem in der Krone und diesen Bildern im Kopf. Janek und seine Freundin, die sich an ihn anlehnt und alle trinken und lustig und Selfie und haha – kein Wunder, dass ihm da schlecht wurde. Was kann schon schlimmer sein als das. Der Park bestimmt nicht. Es schneit ganz leicht, eher so ein leiser Schneeregen, nass und kalt und grau im Mondlicht. Am Seeufer bleibt er stehen und blickt ans andere Ufer. Es ist alles so kompliziert. Er versteht es nicht mehr. Janek, und Männer, und Frauen, und Torten, und die Rentenversicherung, das ganze Geld. Es hat mal Sinn ergeben, aber jetzt ist es nur noch ein auseinandergepuzzletes Puzzle, die Einzelteile liegen herum und er weiß gar nicht, warum er überhaupt je angefangen hat damit. Mit allem. Er spürt seine Füße nicht, seine Knie zittern. Er wird jetzt ins Wasser gehen, die Abkühlung wird ihm gut tun.
Irgendwo hat er mal gehört, dass man bloß die Schuhe ausziehen soll, wenn man ins Wasser geht, aber das fällt ihm erst wieder ein, als er umknickt und nicht mehr hochkommt. Die Angst vor der Dunkelheit ist wieder da, vorm Ertrinken, aber diesmal kriegt er wirklich keine Luft, und es geht so schnell, dass er dann eher überrascht ist als panisch. Ach Mensch, denkt er noch, echten Männern passiert doch sowas nicht, echte Männer erschießen sich oder hängen sich wenigstens auf. Dann aber sieht er Janeks Gesicht vor sich, auf der anderen Seite des Wasser, wo die Sterne und der Mond langsam zu einem undeutlichen Schimmer verschwimmen, und er nickt ihm nochmal zu, bevor er sich ganz in die Arme der Dunkelheit schließen lässt, vor der er noch eben so viel Angst hatte.

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Donnerstag, 16. Juli 2020
Ein Vorschlag
Also wenn ihr möchtet, kann ich gerne anbieten, dass Dreadpans Leser sich hier auf meinem Blog weiter austauschen dürfen.

Ansonsten muss ich leider gestehen, dass die Inspiration derzeit nicht kübelweise auf mich herunterhagelt. Gestern im vietnamesischen Restaurant gesessen und zugeguckt, wie besoffene laute alte Männer sich krankgelacht (oder gesundgelacht, man weiß es ja nicht) haben und dachte mir, jetzt nervt es mich zwar, aber wenn ich selbst so alt bin, dann möchte ich auch so sein, glaube ich. So lustig und fröhlich und ungeniert. Mal sehen.

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