Sonntag, 15. März 2020
Ich war heute Abend in einer der letzten Bars, die rebellischerweise offen geblieben ist. Die Polizei hat uns rausgeworfen und dem Besitzer die Hölle heiß gemacht. Die U-Bahn war fast leer, genau wie die Straßen.

Ich glaube, wenn die Stadt so ist, mag ich sie eigentlich ganz gerne.

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Freitag, 6. März 2020
Unterricht
Ich habe Langeweile im BWL-Unterricht. Es geht darum, dass Veränderungen in den Mietpreisen eine größere Auswirkung auf den Verbraucherpreisindex haben als Veränderungen im Preis von Barbecuesaucen, oder Dönern. Selbst wenn sich der Preis verdoppeln würde, hätte das nur marginale Auswirkungen.

Ich mache mir einen Spaß daraus, das saucy umzuformulieren.
Veränderungen im Mietpreis haben größere Auswirkungen als Veränderungen im Preis von Barbecuesaucen, oder Dönern. (Oder Dönersaucen.) Selbst wenn sich der Preis verdöppeln würde, hätte das nur eine Marinade Auswirkung.
Irgendwann kauft keiner mehr Öl. Die Benzinpreise werden staatlich gedressingt. Wenn es einen Staatfond gibt, ist das Jus ein Anzeichen dafür, dass er flüssig ist.

Dieser Dozent ist ein Dip.

Ich kichere vor mich hin und die Mitschüler fragen sich, warum.

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Sonntag, 22. Dezember 2019
Morgenrunde
Ida Bentling gehört zu den Psychologinnen, die diesen Beruf aus Liebe gewählt haben und nun aus Hass dabei bleiben. Sie sieht in die Runde und danach verstohlen auf die Uhr. Diesen ganzen Jammerlappen hier muss mal jemand ganz direkt sagen, was Sache ist – das Leben ist nunmal gemein, da muss man mit umgehen können. Sie selbst hat auch ihre Probleme, und lässt sie sich deswegen gleich in eine Klinik einweisen? Als sie vor vier Jahren von der Allgemeinpsychiatrie hierher gewechselt ist, hatte sie gehofft, die Klientel wäre vielleicht ein bisschen weniger verrückt. Jetzt wünscht sie sich ihre Verrückten zurück. Die haben wenigstens nicht so viel erwartet. Diese Jammerlappen hier wollen ihr nur den ganzen Tag die Ohren vollheulen und dann repariert werden. Ohne ein bisschen Verantwortung zu übernehmen. Die Ärzte und Therapeuten sollen am besten einfach die magischen Worte sagen und dann wird alles wieder gut. Sie kann es nicht mehr hören und sehen. So funktioniert das nicht. Irgendwer muss hier mal durchgreifen und denen den Kopf zurechtrücken, denkt sie, von mir aus ich.
„Eröffnen Sie bitte die Morgenrunde, Frau Fellner?“, fragt sie und rollt innerlich mit den Augen.
Alexandra Fellner knetet nervös die Hände. Was soll sie sagen? Sie ist gestern erst angekommen, ganz spät abends, aber sie kennt das ja alles, sie war vor zwei Wochen erst hier. Da hat man sie dann laut Arztbrief „ausreichend stabilisiert“ entlassen. Von wegen. In den zwei Wochen dazwischen hat sich eine Leere in ihr ausgebreitet, die schlimmer war als die ganze Panik vorher, die Atemnot, das Heulen. Gestern hat sie gedacht, dass die Leere sie einfach verschlucken würde, als der Hund der Nachbarin schwanzwedelnd auf sie zukam und sie einfach nur dachte lass mich, ich will dich nicht streicheln, ich will nicht mit der Nachbarin reden, ich will gar nichts mehr, und die Nachbarin hat irgendeinen dieser Gedanken in ihrem Gesicht gesehen und sie hergebracht. Die Ärztin war nicht begeistert, Frau Bentling auch nicht, sie hat geseufzt und gesagt: Na gut, dafür gibt’s uns ja, dass wir uns im Notfall kümmern. Aber so lange können Sie diesmal nicht bleiben. Sie wollen doch keine Dauerpatientin werden, oder?
„Ich fühle mich irgendwie leer“, sagt sie leise. „Leer.“
Na toll, denkt Daniela neben ihr, was hat die eigentlich für ein Problem. Daniela würde sich gerne mal leer fühlen, bei ihr ist immer nur Bluthochdruck, bei ihr ist immer nur Panik, jeder Moment des Tages ist Panik, die Gedanken stehen schon lange vor ihr auf und fangen an, zu rasen, zu kreisen, zu schreien, der erste Atemzug geht schon schwer, und der ganze Tag liegt noch vor ihr, sie kriegt schon das Frühstück kaum runter, aber wenn man nichts isst wird ja alles nur schlimmer, also zwingt sie es sich rein, gegen die Übelkeit, gegen die Angst, sie denkt und atmet und bewegt und hört und sieht Angst, die verdammten Therapiegespräche sind Angst, wenn sie gefragt wird Wie soll es denn jetzt weitergehen?, die sogenannte Exposition ist Angst, wenn man von ihr erwartet, dass sie in ihre Wohnung gehen und das Alleinsein aushalten üben soll – was ist daran zu üben, fragt sie sich, sie ist ja nicht blöd, oder unfähig, oder unselbstständig, sie kann natürlich allein sein, das Alleinsein ist manchmal sogar besser, dann fragt wenigstens niemand was oder sieht oder hört oder erlebt sie in ihrer Panik, das bringt überhaupt nichts, dieses In-die-Wohnung-fahren, genau wie das Zusammensitzen hier nichts bringt, oder die Ergotherapie, bei der ihr die Pinsel aus den zitternden Händen fallen, die Angst ist immer da, die geht nicht weg, die lässt sich nicht beeindrucken von sowas, die kommt auch, wenn sie regelmäßig ihre Achtsamkeitsübungen macht oder Atemtechniken, die kommt auch, wenn sie Sport macht oder sich was Gutes tut, die macht, dass sie sich nicht mal was Schönes kochen kann, weil sie zitternd und heulend am Küchentisch sitzt, dass sie nachts nicht schlafen kann, das ist der Angst alles egal, die hat Daniela in ihrem Würgegriff, und Daniela hofft die ganze Zeit einfach nur, dass sie irgendwann die zündende Idee hat, was gegen die Angst helfen könnte. Diesen Krieg kann ja kein Mensch ewig führen. „Ich würd mich gerne mal leer fühlen!“, sagt sie laut , ein leises Lachen in der Stimme, das Lachen der Verzweiflung natürlich, aber das erkennen Leute, die noch nie so verzweifelt waren wie sie, wohl nicht.
„Lassen Sie Frau Fellner erstmal ausreden“, sagt Ida Bentling. Dass diese Jammerlappen sich immer gegenseitig unterbrechen müssen, nervt sie auch. Jeder will nur beweisen, dass er das größte Problem hat und am meisten Zuwendung braucht. Gesteigertes Mitteilungsbedürfnis, schreibt sie zu Daniela auf ihren Notizzettel. Distanzgestört.
Viktoria kriegt von all dem nicht so viel mit. Sie ist noch müde. Und sie zählt in Gedanken. Schritte. Kalorien. Kilos. Kleidergrößen. Die kleinen Abschnitte auf dem Maßband, von dem niemand hier weiß, dass es in ihrer Nachttischschublade liegt. Es ist nicht gesund, das weiß sie. Aber es ist die beste Ablenkung. Es ist der beste Weg, um nicht verrückt zu werden. Mama hat darauf bestanden, dass sie zum Arzt geht, Mama hat die Wohnungstür abgeschlossen und Viktoria nicht zur Uni gehen lassen. Wie eine Sphinx hat Mama vor der Tür gestanden und gesagt Wenn du Frühstück isst, dann darfst du gehen, aber das ging nicht - sowas geht nicht gut, wenn man morgens schon isst, dann ist der ganze Tag verloren. Wenn man morgens frühstückt, dann isst man mittags auch nochmal, und abends womöglich sogar auch, weil es einem ja dann auch schon egal ist. Viktoria weiß, dass es falsch war, auf Mama loszugehen. Immerhin hat der Kampf dann ordentlich Kalorien verbrannt. Immerhin. Sie fühlt sich fehl am Platz. Die Leute hier verstehen es nicht. Die haben Probleme mit dem Leben an sich. Das Leben ist aber nicht problematisch, wenn man schlank ist. Es ist ein Zuviel an Masse, an Raum, den die Menschen einnehmen. Nicht zuzunehmen ist also das wichtigste. Ob sie überhaupt freiwillig hier sei, oder nur ihrer Mutter zuliebe, hat Frau Bentling im Aufnahmegespräch gefragt. Ja, doch, klar, ich will das, hat Viktoria geantwortet, und innerlich gezählt. Das Zählen macht es erträglich, das Weinen der anderen, das Gezitter und hektische Rumgelaufe von dieser Daniela, das ständige Gerede im Aufenthaltsraum, Mein Mann dies, mein Mann das, die Leute denken, Beziehungsprobleme seien ein Grund, sich umzubringen, unglaublich. Das Leben ist doch nicht schlecht, denkt Viktoria, man muss es nur richtig machen. Man muss sich im Zaum halten. Diese Isabel zum Beispiel, die spricht von nichts Anderem als davon, wie unzufrieden sie ist, mit der Arbeit, mit der Wohnung, mit ihren Freunden, aber Viktoria weiß, dass sie in Wahrheit nur unzufrieden mit sich selbst ist. Und an sich selbst kann man ja arbeiten.
Isabel fühlt, dass Viktoria sie anschaut, aber als sie den Kopf dreht und den Blick erwidert, guckt Viktoria schnell weg. Isabel kann Viktoria nicht lesen, so wie sie die meisten Menschen nicht lesen kann. Die Welt scheint nach einem Code zu funktionieren, einem Verhaltenskodex, den alle kennen, nur sie nicht. Sie ist immer diejenige, die zu einer Gruppe hinzukommt und auf einmal verstummt das Gespräch. Sie fragt etwas, und die Leute schmunzeln, als hätte sie etwas total Idiotisches gesagt. Aber wenn sie ehrlich ist, interessiert sie sich auch gar nicht mehr für die Menschen. Frau Bentling und der Oberarzt haben auf sie eingeredet wie verrückt, sie solle doch ihre sozialen Kontakte nicht so schleifen lassen. Aber was soll sie mit sozialen Kontakten, wenn es dabei nur darum geht, über irgendwas rumzulabern, das sie nicht interessiert? Ihr geht es alleine zu Hause am besten, wo sie niemand stört und niemand was Nerviges fragt und sie einfach vor sich hin leben kann. Atmen, essen, schlafen. Aber leider hat sie immer so schwache Momente, wo es ihr dann doch Leid tut, wo ihr das ein bisschen wenig vorkommt, und sie gerne den geheimen Verhaltenskodex lernen möchte, oder wenigstens vom Rande aus der menschlichen Gemeinschaft zuschauen, und dann ist sie mit ihrem kleinen Flugkoffer hergefahren und hat dem Oberarzt irgendwas von Versuchen und das Beste draus machen erzählt, und der hat gelächelt, so komisch, so geheimnisvoll – na toll, hat Isabel gedacht, schon wieder so ein geheimes Muster, das ich nicht verstehe, wieso lächelt der jetzt, aber er hat sie aufgenommen. Und seitdem ist sie hier und wünscht sich, sie wäre wieder alleine zu Hause. Die anderen Patienten reden beim Essen miteinander, und wenn sie reinkommt, sagt keiner mehr was. Wenn sie dann das Gespräch sucht, irgendwas erzählt, was sie gerade in der Zeitung gelesen hat oder von Lissy, die sie vor zwei Jahren aus dem Tierheim geholt hat – auch so ein Versuch, der dann gescheitert ist, und Lissy ist neulich an Magenkrebs gestorben – dann lächeln alle, sagen aber nicht viel außer Hm-hm und Aha. Dabei war der Zeitungsartikel über die Katastrophe in Jemen sehr interessant, und Lissy echt süß, sie versteht nicht, was sie falsch macht. Das wird nie was, denkt Isabel jetzt und schaut verstohlen zu Viktoria, die mit einer Haarsträhne spielt, wenn es schon hier drinnen nicht klappt, wie soll das draußen was werden.
Ida Bentling hat jetzt schon genug, und es sind noch nicht einmal zwei Minuten um. Die Fellner kommt einfach nicht zurande, die anderen werden langsam nervös, aber Regeln sind Regeln, dann müssen sie sich eben mal gedulden. Aber so sind diese Jammerlappen, jeder will zu Wort kommen, jeder will lang und breit erklären, warum er der Ärmste und Kränkste ist und warum er verdient hat, hier am meisten zu erzählen. Und wenn einer mal länger braucht, fangen die anderen an, demonstrativ mit einer Haarsträhne zu spielen, Oh, seht nur alle her, ich langweile mich so, ich sitze auf glühenden Kohlen, ich hab was viel Wichtigeres zu sagen.
Es gibt durchschnittlich immer nur zwei männliche Patienten auf der Station. Henning wundert das überhaupt nicht. Die Weiber sind einfach durchgeknallt. Das hat er immer gewusst, und jetzt, nach drei Wochen auf der Station, ist er sich nochmal sicherer. Naja. Ist aber vielleicht besser so als umgekehrt. Wenn hier nur Kerle wären – nee. Das wär auch nicht gut. Und heiß ist die Kleine gegenüber ja schon. Man könnte glatt – obwohl, nee. Ist zu jung, und außerdem viel zu verrückt. Das ist die, die ständig gegen die Wand in ihrem Zimmer schlägt, wenn sie ihre Ausraster hat, oder mit der Schranktür knallt, dass er nebenan fast aus dem Bett fällt. Im Bett liegt er viel, seit er hier ist. Da kann ihm keiner was. Die andere, diese Dünne, Viktoria, die ist auch gut. Die zieht auch noch immer solche Klamotten an, hauteng und schwarz. Und um eine Antwort ist sie auch nie verlegen. Er selbst sagt meistens eher wenig. Da kann ihm keiner was. Die Leute wollen ihm was anhängen, da muss er sich mit Informationen zurückhalten. Wenn er nach einer Tavor fragt, tuscheln hinterher die Schwestern und tippen etwas in ihren Computer ein. Als würde er das nicht merken. Als ihn vorgestern ein Kumpel besucht hat, haben die Weibchen angefangen zu kichern. Man darf echt nicht zu viel von sich preisgeben. Auch die Ärzte drehen sich da ihre eigenen Geschichten draus. Drogeninduzierte Psychose, hat der Oberarzt gesagt. Der hat doch keine Ahnung. Psychosen haben Leute, die nicht ganz sauber ticken, von ein bisschen Kokain bekommt man keine Psychose. Und es ist doch ganz offensichtlich wirklich so, dass alle über ihn reden und sich Gerüchte über ihn ausdenken. Als würde er das nicht merken. Aber er merkt es, er durchschaut die ganze Sache.
Henning gegenüber grinst, und Franka dreht sich angewidert weg. Auf sowas hat sie ja nun überhaupt keinen Bock. Sie hat doch auch schon zweimal Bescheid gesagt bei den Schwestern, dass der Typ, der immer nichts sagt, sie andauert angrinst, und keiner unternimmt was. Sie hat zum Teufel mit sich selbst zu tun! So beschissene Männer, die nur das Eine wollen, sogar hier in der Klinik, nee, danke. Sie ist einundzwanzig, eine erwachsene Frau, sie muss sich so nicht behandeln lassen. Der Scheiß-Lustmolch. Macht sie aggressiv. Sie schließt die Augen und atmet kontrolliert aus. Sie kennt das, es geht gleich vorbei, sie muss ihre Wut nicht immer ausleben. Ich bin ganz ruhig und ganz entspannt. Die Wut ist nur ein Gefühl, ich bin mehr als meine Wut. Diese verdammte Wut, wegen der ihr schlecht wird und die sich nicht auskotzen lässt, die nur durch Schreien und Türenknallen eine kleine Chance hat, sich abzumildern. Manchmal klappt es, manchmal muss sie auch immer weiter schreien und die Wut wird nicht weniger – sie wird größer. Wegen der Scheißwut wird sie jetzt wahrscheinlich aus der TWG geschmissen. Wegen der verdammten Scheißwut sind ihre Hände vernarbt und sie musste auf eigene Kosten das Fenster in der WG neu machen lassen. Dabei macht sie solche Fortschritte, sie rastet nur noch ein einziges Mal am Tag aus, und keiner erkennt das an, keiner sagt mal Toll, Franka, dass du dich so viel besser unter Kontrolle hast als noch vor ein paar Monaten! Wenn die wüssten, was für ein Kampf das ist. Wieviel Mühe es kostet, stattdessen zu atmen und die Fäuste zu ballen und von 300 rückwärts zu zählen und nichts zu sagen. Und dann setzt sich dieser Dreckskerl da hin, sagt den ganzen Tag nichts, guckt die Frauen nur an und grinst blöd. Gleich, wenn sie dran ist, wird sie was dazu sagen. Ganz ruhig, ganz sachlich, aber dem Scheißkerl MUSS ENDLICH MAL EINER WAS AUF DEN VERDAMMTEN DECKEL GEBEN! WAS GLAUBT DER ARSCH EIGENTLICH, WER ER IST! DER WICHSER SOLL SIE IN RUHE LASSEN, DER SOLL ALLE IN RUHE LASSEN, ICH BRING DEN UM WENN DER NOCH EINMAL SO BLÖD GRINST!
„'Tschuldigung“, flüstert sie Jörg zu. Sie hat den Hacken in die Erde gestemmt, als würde sie bei einem Auto auf die Bremse drücken, und ihn dabei aus Versehen getreten. Jörg nickt nur. Eigentlich ist die Station sehr klein, aber sie kommt ihm riesig vor. Er findet sich einfach nicht mehr zurecht in der Welt. Ja. Der Unfall ist fünf Jahre her. Er hat wieder sprechen und laufen gelernt. Er kann wieder lesen und schreiben. Er kann sogar wieder Fahrrad fahren. Ein bisschen zumindest. Aber er findet sich nicht zurecht. Die Menschen sehen alle gleich aus. Die Straßen sehen alle gleich aus. Er ist schon zweimal ins falsche Zimmer gelaufen. Die anderen halten ihn für verrückt. Ist er vielleicht auch. Es ist alles so verwirrend. Der Oberarzt sagt, er solle sich nicht hinter seinem Unfall verstecken, er solle sich Ziele vornehmen. Jetzt ist seine Frau schwanger. Das kann doch nicht das richtige Ziel sein. Sie hatten Streit. Seine Frau will das Baby unbedingt. Er ja auch, aber er kann das jetzt nicht. Sie hat gesagt, er soll gehen. Dann ist er hergekommen. Die verstehen es hier nicht. Frau Bentling spricht immer von Verantwortung und Lebensmut. Aber der Unfall hat ihn halt verändert. Der Aufprall. Das Halbdunkel danach. Die Frau, die an seinem Bett stand und geweint hat. Der ständige Nebelschleier auf dem rechten Auge. Klinik, Reha, wieder Klinik, wieder Reha. Und jetzt sagen alle, er müsse das hinter sich lassen. Das Leben gehe weiter. Ja, es geht weiter. Aber es ist nicht mehr sein Leben.
Tod, denkt Stefanie immer nur, Tod, Tod, Tod. Es ist doch die perfekte Lösung. Die Welt kommt ihr so bedrohlich still vor, aber die Stille des Todes, die stellt sie sich vor wie eine schöne, warme, wortlose Umarmung einer liebenden Mutter. Wie schön weich es sein muss. So zart, so endlos. So ruhig.
„Ich will mich umbringen!“, sagt sie laut, „Lasst mich doch einfach!“
Jetzt reicht es, denkt Frau Bentling, jetzt sind sie zu weit gegangen. Jetzt kommen sie mit der Selbstmord-Keule und denken, dass dann alles mobilisiert wird, wie in einem Film, dass dann sämtliche Pfleger angerannt kommen und sich extra-nett um sie kümmern. So läuft das hier nicht. Jetzt muss es mal gesagt werden. Jetzt muss mal gesagt werden, dass es Zeit ist, sich vernünftig zu benehmen und das Leben so zu nehmen, wie es ist.
„Jetzt lassen Sie doch Frau Fellner endlich mal ausreden!“, ruft sie. Alle Patienten sehen sie verständnislos an. Sie schaut verständnislos zurück.

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